Chancenungleichheit: Warum Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte seltener Unterstützung erhalten

Teil der Studienreihe „Marktpotenzial AVGS“

Dieser Beitrag gehört zur Serie über die aktuelle
Untersuchung von AVP Berlin und dem BIFI – Berliner Institut for Innovation.
Er beleuchtet, welche sozialen Gruppen von geförderter Arbeitsvermittlung profitieren – und wer bislang zu wenig erreicht wird.

Ungleich genutzt, ungleich erreicht

Die Auswertung zeigt:
Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund nutzen den AVGS deutlich seltener als andere Gruppen.
Obwohl der Gutschein grundsätzlich allen Arbeitssuchenden offensteht, bestehen deutliche Unterschiede bei Bekanntheit, Zugang und Vertrauen.

  • Frauenanteil unter den Befragten: unter 40 %
  • Anteil von Personen mit Migrationsgeschichte: rund 25 %
  • Durchschnittliche Einlösungsquote: deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt

Diese Zahlen spiegeln kein fehlendes Interesse, sondern strukturelle Hürden.

Was Frauen bremst

Frauen, insbesondere mit Betreuungspflichten, nennen zwei Hauptgründe:

  1. Fehlende Flexibilität – viele Vermittlungsprozesse orientieren sich an Vollzeitmodellen.
  2. Informationsdefizite – viele wissen gar nicht, dass die Förderung auch für sie gilt.

Zudem zeigen qualitative Rückmeldungen:
Frauen erleben häufiger geringere Erwartungshaltung seitens Behörden oder Vermittlungsstellen. Ihnen wird oft indirekt signalisiert, dass andere Zielgruppen „vorrangiger“ seien.
Das schwächt die Wahrnehmung des eigenen Anspruchs.

Was Menschen mit Migrationsgeschichte hemmt

Hier überwiegen sprachliche und kulturelle Barrieren.
Viele wissen nicht, dass der AVGS nicht an Nationalität oder Aufenthaltsdauer gekoppelt ist.
Hinzu kommt ein geringes Vertrauen in staatliche Programme, teilweise geprägt durch negative Erfahrungen im Herkunftsland oder widersprüchliche Informationen.

Ein weiterer Punkt:
Viele Migrant:innen verfügen über Qualifikationen, die in Deutschland (noch) nicht anerkannt sind. Dadurch entsteht Unsicherheit:

„Wenn mein Abschluss hier nicht zählt, hilft mir dann überhaupt jemand?“

Diese Wahrnehmung hält viele davon ab, den ersten Schritt zu gehen.

Die Rolle der Vermittlung

Private Arbeitsvermittlung kann hier entscheidend ansetzen:

  • Gezielte Aufklärung in einfacher Sprache und über Kanäle, die diese Gruppen tatsächlich nutzen.
  • Vertrauensaufbau durch Sichtbarkeit: Vermittler:innen mit eigener Migrationsgeschichte oder Erfahrung schaffen Nähe.
  • Flexible Angebote: Teilzeitmodelle, hybride Beratung, kindgerechte Zeiten.

Das Ziel ist nicht Sonderbehandlung, sondern Zugänglichkeit.

Politische Dimension

Förderinstrumente wie der AVGS werden aktuell zu stark über formale Kriterien gesteuert.
Solange sie nicht zielgruppensensibel kommuniziert werden, bleibt das Potenzial ungenutzt – besonders bei Gruppen, die auf Unterstützung angewiesen sind.

Die Studie mahnt:

„Förderung erreicht nicht automatisch alle – sie muss aktiv zu ihnen gebracht werden.“

Fazit

Die Förderung privater Arbeitsvermittlung funktioniert, wenn sie verstanden wird.
Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte wollen arbeiten – sie stoßen jedoch auf Strukturen, die nicht auf ihre Lebenswirklichkeit passen.
Wer Chancengleichheit ernst meint, muss nicht nur fördern, sondern zugänglich machen.

 

Nächster Artikel der Serie:
„Was Bewerber:innen sich wirklich wünschen – und wie Vermittlung das erfüllen kann.“

Berlin, 15.02.2026